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Nur wenige französische Produzenten können von sich
behaupten, im Laufe der letzten zehn Jahre so einflußreich
wie Etienne de Crecy gewesen zu sein. Als einer der ersten
Pariser Künstler brachte er einen House-Track heraus
und war der erste Gründer eines Independent-Dancelabels.
Er produzierte und remixte die allererste Air-Single, ermutigte
Alex Gopher zur Veröffentlichung seiner Songs und war
ein prägender Einfluß für Daft Punk. Man kann
ohne Übertreibung behaupten, daß Paris ohne Etienne
nie seine heutige internationale Bedeutung erreicht hätte,
und Madonna hätte vielleicht bei den Aufnahmen zu ihrem
jüngsten Album nie die Hilfe des Franzosen Mirwais in
Anspruch genommen. Wem der Name Etienne de Crecy nicht auf
Anhieb etwas sagt, müßte nur an seine beiden letzten
Veröffentlichungen unter den Künstlernamen Motorbass
und Superdiscount denken, um jegliche Zweifel an Etiennes
Status als einer der besten Produzenten der Welt auszuräumen.
Etienne de Crecy wurde vor einunddreißig Jahren in Lyon
geboren und zog als Kind nach Dijon. Mit 15 kam er nach Versailles
und lernte dort die Leute kennen, mit denen gemeinsam er seine
Liebe zur Musik entwickelte. Als Teenager gründete er
mit Mr. Leam und Pierre Michel Levallois die Band Louba. "Ich
glaube nicht, daß die Musik sonderlich gut war. Wir
hatten erst angefangen, unsere Instrumente zu erlernen",
erinnert er sich. Die Band war allerdings Teil einer aufkeimenden
Szene, die später die Grundlage der Pariser Dancemusic-Explosion
bilden sollte. Zu den Bands, die mit Louba auftraten, gehörten
u. a. Orange und damit das Duo, das später unter dem
Namen Air bekannt werden sollte, sowie Alex Gopher und Xavier
Jamaux von Bang Bang.
Kurz nach der Auflösung von Louba zog Etienne nach Paris,
wo er die wahren Freuden des Samplings für sich entdeckte.
Er hatte bereits an einem Projekt mit Stephane Luginbuhl von
Mellow gearbeitet, aber der Stein kam erst wirklich ins Rollen,
als Etienne als Studioengineer beim Studio Plus XXX einstieg.
Dort lernte er Philippe Zdar (La Funk Mob und Cassius) kennen
und fand in ihm einen Seelenverwandten in Sachen Produzieren.
Schon bald teilten die beiden sich eine Wohnung, einen Sampler
und ihre Liebe zur Musik. Zusammen durchforsteten sie ihre
ungleichen Plattensammlungen auf der Suche nach Klängen,
die sich samplen ließen, und bastelten dabei langsam
eine Reihe von Tracks zusammen, die auf Chicago-Jack-Trax,
alten House-Klassikern, jeder Menge Disco und einer Prise
Led Zeppelin basierten.
1991 brachten sie das erste Ergebnis dieser kreativen Freundschaft
über ihr eigenes Label Cassius heraus. Unter dem Titel
Motorbass schlug die EP in der britischen Szene ein, und viele
DJs durchkämmten schier jeden Plattenladen des ganzen
Landes auf der Suche nach einer der seltenen Kopien. Ein Jahr
später erschien die gleichermaßen heiß begehrte
Single Transphunk. Inzwischen hatte das Duo den Namen Motorbass
angenommen. Sie rüsteten sich dafür, es mit dem
Underground aufzunehmen und dann....passierte zunächst
einmal gar nichts. Oberflächlich betrachtet.
Tatsächlich vertiefte sich Zdar in seine Produktionsarbeit
für Hip-Hop Künstler wie MC Solaar, während
Etienne sich zunehmend auf seine Karriere als Engineer konzentrierte.
"Ich war kein sehr guter Engineer", erklärt
er. "Ich legte nicht genug Interesse für meine Arbeit
an den Tag. Natürlich habe ich viel Hip Hop und ein paar
andere interessante Sachen gemacht, aber ich glaube nicht,
daß ich wirklich gut war."
Während dieser Zeit spielte ihm sein langjähriger
Freund Alex Gopher ein paar Tracks vor, die er in seinem Schlafzimmer
aufgenommen hatte. Sie holten ihren alten Freund Pierre Michel
(aus Louba Tagen) dazu, der vorschlug, ein Label zu gründen
– und so entstand Solid. Die erste Veröffentlichung
kam 1994 in Form der silberverpackten, selbstverständlich
von Etienne produzierten Gopher-EP auf den Markt.
In den darauffolgenden Jahren steuerte Etienne zwei Songs
zur Source Lab 1-Compilation bei (die erste Kopplung der entstehenden
Pariser Szene), mit Bad Vibes von Motorbass und Ecouter Fumer
unter dem Namen La Chatte Rouge. Außerdem zeichnete
er mit seinem Remix der ersten Air Single Modular Mix verantwortlich
für einen der herausragendsten Tracks des Jahres, dessen
Originalversion er ebenfalls produziert hatte. Etiennes Sterns
war ganz offensichtlich im Begriff zu leuchten.
1996 begann dieser Stern dann hell zu strahlen. Erst kam das
allseits gepriesene Motorbass Debütalbum Pansoul, das
vom Muzik Magazin zum 'Album des Monats' gewählt wurde
– ungeachtet der Tatsache, daß in ganz England
nur eine Hand voll Kopien erhältlich waren – ,
und noch im selben Jahr wurde das Projekt veröffentlicht,
mit dem Etienne de Crecy der große Durchbruch gelang.
Das auf Solid erschienene Super Discount Album zog mit seinem
schlichten, in Gelb, Schwarz und Weiß gehaltenen Artwork
und Kitsch-Konzept jedermanns Aufmerksamkeit auf sich. Von
seinen Anfängen als limitierte Serie von 10" Singles
entwickelte sich das Album zu einer Compilation von Originaltracks
von Etienne und EDC Remixen von Tracks von Air und Alex Gopher.
Schon bald war das Album weltweit gefragt und hatte den Sprung
in die Mainstream Märkte geschafft.
Im Laufe der nächsten drei Jahre war Etienne mit seiner
Promotion für Super Discount, gelegentlichen Remix-Aufträgen
(u. a. Lil Louis' Clap Your Hands, Alex Gophers Gordini Mix
und Airs Sexy Boy), der Produktion des zweiten Albums der
Source Künstlerin Teri Moise (1996 hatte er bereits ihr
erstes Album produziert) und ein paar Dancefloor-Singles unter
dem Namen Mooloodjee für den Solid Ableger Poumtchak
mehr als beschäftigt. Vor einem Jahr nahm er dann ein
Projekt in Angriff, das sein bislang erfolgreichstes zu werden
verspricht und obendrein den Namen Etienne de Crecy endlich
vor seine diversen Pseudonyme stellen dürfte. Tempovision
ist sein bis dato bestes Werk – so einfach stellt es
sich dar.
"Ursprünglich ging ich davon aus, daß ich
maximal drei Monate für die Aufnahmen bräuchte,
aber es dauerte dann doch ein ganzes Jahr", berichtet
er. "Allerdings versuchte ich auch, einen ganz besonderen
Sound zu entwickeln."
Diesen besonderen Sound nennt er Digital Soul, eine Kombination
aus live klingenden Samples und nüchternem Digital Programming.
Tempovision baut sich locker um das Konzept auf, daß
die Technologie, die unser Leben doch im Grunde vereinfachen
sollte, uns in Wirklichkeit mehr Zeit raubt, wie z.B. mit
E-mails, die eine Ewigkeit brauchen, bis sie heruntergeladen
sind, Internetseiten, die man nur unter größten
Schwierigkeiten findet, oder Warteschleifen beim Telefonieren.
Das dürfte einleuchten. Nebenbei ist das Album von dem
Rhythmus inspiriert, den man beim Zappen beim Fernsehen entwickelt.
Nichts zieht den Zuschauer wirklich in seinen Bann, also bewegt
er sich in gleichmäßigem Rhythmus durch die Kanäle.
Allerdings ging ihm noch keines dieser Konzepte durch den
Kopf, als er mit den Aufnahmen von Tempovision begann.
"Das kam, als ich mit Clip Payne (bekannt durch Funkadelic
und das Alex Gopher Album) in den Staaten war, und er eine
Sängerin diesen Track einsingen ließ. Clip fragte
mich: 'Wie heißt das Stück?' Ich hatte mir noch
nichts überlegt, aber das Wort 'Vision' gefiel mir. Also
sagte ich 'Tempovision'."
Die Idee eines Konzeptes war geboren.
"Im Grunde ist das Konzept nicht so wichtig wie die Musik",
sagt Etienne. "Mit dem Cover wollte ich nur ausdrücken,
daß der Rhythmus des Lebens etwas Besonderes ist, und
daß es manchmal besser ist, seine Zeit zu vergeuden
und gar nichts zu tun."
Man könnte seine Zeit auch damit vergeuden, sich Tempovision
anzuhören. Nicht etwa, daß dieses Album als Zeitverschwendung
zu bezeichnen wäre. Angefangen beim Opener Intronection
mit seinen Modem-Bleeps, ist die ganze Platte voll unverfälschtem,
verführerischem Vergnügen. Relax beginnt mit einer
entspannten Jazz-Akkord-Sequenz und baut sie über einem
tiefen House Groove auf, bevor es sich in ein Jazz-Funk-inspiriertes
Keyboard-Motiv ergießt, das geradewegs aus einer Neuauflage
von Shaft stammen könnte. Allerdings hätte es den
Rest dieses Soundtracks in den Schatten gestellt. Out Of My
Hands folgt dem gleichen Thema mit seinem windgepeitschen
Bass, seiner an zersplitterndes Glas erinnernden Intro und
den Echolot-Beats, über die eine wunderbare Souldiva
leidenschaftliche, Blues-getränkte Vocals legt.
In dem atemberaubenden Am I Wrong? fragt dieselbe Stimme 'Am
I wrong to hunger?' zu einem disco-getriebenen House-Groove,
der sich durch EQ-Wechsel und verschiedene Filter windet,
bevor er in ein 303-Acid-Fest kulminiert, das die Clubs in
der ganzen Welt sprengen dürfte – vom Underground
bis hin zum Mainstream. In Frankreich gab es zur ersten Singleauskopplung
von Am I Wrong? ein computeranimiertes Video (entworfen von
Etiennes jüngerem Bruder), auf dem Kühe das eigene
Fleisch von ihren Rippen nagen, nebst weiterer derartiger
Leckerbissen.
"Das Video ist kein Statement zum Thema Vegetarismus
oder Animal Rights", erklärt er. "Es soll einfach
nur ausdrücken 'Freßt den Boss', mehr nicht."
Wenn Am I Wrong? ein ziemlich gehaltvolles Hauptgericht ist,
dann sind die drei folgenden Songs die sättigendsten
Beilagen aller Zeiten. Noname entführt fette Funk-Gitarren
auf eine Reise durch Digi-Dub-House-Sphären, während
When Jack Met Jill wie ein Oldschool-Jazz-In-The-House Song
in einer Überarbeitung von Timbaland klingt. Mit jedem
neuen Takt offenbart sich eine weitere Überraschung,
während die Saiteninstrumente unglaubliche Vocals umgarnen.
Fast schon ein echter Klassiker – genau wie der nächste
Track, das suchtgefährdende Tempovision, das mit den
Klängen eines verbissenen Zappers, der durch alle Nachrichtensendungen
springt, eröffnet, bevor es mit einem von Streichern
getragenen, lässigen Groove weitergeht, der Easy Listening
mit Hip Hop und G-Funk vermischt. Und als ob das noch nicht
genug wäre, werden obendrein die vielen Facetten von
Dub, P-Funk und Soul zu einer schwindelerregenden, lysergischen
Kernschmelze vereint.
Das nächste Highlight auf dem Album ist Scratched, das
Deep House mit Turntable-Hip Hop mischt, während Belita
Woods eine weitere schmerzvolle Soul-Elegie heraus schreit.
3 Day Weekend vereint einen Slap-Bass, einen lachenden Joker,
eine Latino-Funkgitarre und einen einfach zum Arschwackeln
gemachten Beat zu einem Partytune für ein langes Wochenende,
das schließlich in eine 'Rhythm and Beat' Stimmung übergeht
wie in einer Jazzkneipe am frühen Morgen.
Der letzte Track Hold The Line ist ein in sich geschlossener
Groove, der sich langsam aber stetig über erstaunliche
14 Minuten und acht Sekunden entwickelt – Etiennes Antwort
auf die handelsübliche Warteschleifenmusik. Wer im Solid
Büro anruft, hört übrigens genau diese Melodie.
Da haben wir es also – Tempovision, eine wunderbarer
Art, seine Zeit zu vergeuden. Und ein Album, das den Namen
Etienne de Crecy zum Markennamen machen dürfte.(Martin
James; Übers. Angela Nescerry/Beate Pesche)
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