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Evan Dando gründete The Lemonheads gemeinsam mit zwei
High-School-Freunden im Winter des Jahres 1986 an der kleinen
Commonwealth School in Boston. Schon wenige Monate später
brachte die Band eines der begehrtesten Punk-Relikte der Achtziger
hervor: die Indie-EP „Laughing All the Way to the Cleaners“.
Das Bostoner Label Taang! Records wurde natürlich sofort
hellhörig und veröffentlichte mit den Alben „Hate
Your Friends“ (1987), „Creator“ (1988) und
„Lick“ (1989) gleich einen ganzen Hattrick von
Collegeradio-Favoriten. 1990 bemerkte dann auch Atlantic Records
die gleichermaßen in Europa (sie hatten 1989 eine große
Europatour absolviert) und den Staaten unglaublich schnell
wachsende Fangemeinde von The Lemonheads. Ein neuer Vertrag
wurde aufgesetzt, und ihre vierte LP „Lovey“ kam
nicht nur in Cambridge, Massachusetts, gut an.
Doch schon damals war das Line-Up von The Lemonheads alles
andere als beständig: In nur fünf Jahren gab es
über ein Dutzend verschiedener Bandbesetzungen, es war
ein ständiges Kommen und Gehen, und nur Dando war der
musikalische Fels in der Personal-Brandung. Das ganze Chaos
ging soweit, dass sich ein gewisser Drummer, nachdem er erst
eine Woche zuvor aus der Band geflogen war, nach besagten
sieben Tagen schon wieder auf eine Anzeige der Band meldete,
um als möglicher Nachfolgedrummer einzusteigen. Selbst
vorsichtige Schätzungen lassen auf mindestens zehn Bassisten
und über ein Dutzend Schlagzeuger schließen, die
im Laufe der Jahre ein kurzes Gastspiel an der Seite von Dando
absolvierten.
Aus diesem Gründungschaos sollte sich jedoch schon bald
ein unglaublicher Höhenflug für The Lemonheads entwickeln:
Eine Tour im Jahr 1991 brachte Evan nach Australien, wo er
zufällig auf den Songschreiber Tom Morgan traf. Auch
den zukünftigen Bassisten der Band, Nic Dalton, sammelte
er auf diesem Abstecher ein. Diejenige Magie, die in dieser
Konstellation entstand, war letztlich die Erfolgsgarantie
für „It’s A Shame About Ray“ (1992),
ihre zweite Platte für Atlantic, die mit nur knapp unter
einen halben Stunde Spielzeit klarstellt, wie perfekt konzentrierter
Pop zu klingen hat. Mit Songs wie „Confetti“,
„My Drug Buddy“, „Rudderless“ und
„Ceiling Fan in My Spoon“ traf Dando den Nagel
einer gänzlich anderen Zuhörerschaft auf den Kopf:
„Sie werden immer jünger“, gestand er damals
der Sängerin Kathie Lee Gifford.
Zu diesem Zeitpunkt ging auch der Medienrummel um The Lemonheads
so richtig los – beispielsweise wurde lange Zeit darüber
spekuliert, wie es zwischen Dando und seiner alten Freundin
Juliana Hatfield, die für das „Ray“-Album
auch gesungen und Bass gespielt hatte, wirklich stand. Natürlich
tat es nicht wirklich weh, als das People-Magazin Evan im
Jahr 1993 mit einer Seite bedachte und ihn derweil zu einem
der „Fünfzig Schönsten Menschen der Welt“
erklärte. Evan erfuhr von der überraschenden Ehre,
als er gerade in Neuseeland war und seinen 26. Geburtstag
feierte. Eine Mitarbeiterin des Magazins rief ihn an, um ihm
mitzuteilen, dass er nun zu den „fünfzig `dishiest´
[hübschesten] Menschen überhaupt“ gehört,
und Dando erinnert sich noch genau: „Ich hatte `busiest´
[umtriebigsten] verstanden, also sagte ich, `Stimmt schon!´
Ich war ja auch busy, so viel wie ich damals in der Welt unterwegs
war!“
Atlantic veröffentlichte den erfolgreichen Nachfolger
„Come on Feel the Lemonheads“ im Oktober 1993.
Neben einem wahren Chart-Smash-Hit („Into your Arms“)
brachte Dando mit diesem Album auch eine Reihe von Lemonheads-Klassikern
hervor: u.a. „Great Big No“, „Down About
It“, „Being Around“ und „You Can Take
it with You“. Im darauffolgenden Winter war Evan Dando
dann sogar bei den Leuten im Wohnzimmer anzutreffen, denn
er wurde u.a. in die Late-Night-Shows von Letterman und Leno
eingeladen. Was an diesem Punkt wohl unausweichlich war: Der
20-jährige Jeff Fox aus Warrington, Pennsylvania, veröffentlichte
in besagtem Winter auch die erste Ausgabe seines Miesmacher-Magazins
namens „Die Evan Dando, Die“.
Weiter ging es mit einem brutalen Tourneeplan, der The Lemonheads
mehrfach um die ganze Welt führte. Unterwegs ließ
Dando sich nicht entgehen, das eine oder andere Interview
zu geben – und siehe da: die oftmals nach Schwachstellen
Ausschau haltende Presse suchte in diesem Fall vergeblich.
Nunmehr mit den Bostoner Freunden John Strohm (Gitarre) und
Murph (Schlagzeug) besetzt, schafften es The Lemonheads mit
dem trotzigen „Car Button Cloth“-Album (1996)
die Latte noch ein Stück höher zu legen. Songs wie
„It’s All True“, „If I Could Talk
I’d Tell You“ und „Tenderfoot“ zählen
bis heute zu ihren eindrucksvollsten Melodic-Punkpop-Stücken.
Nachdem sie das Album jedoch das ganze Jahr promotet hatten,
verkündete Dando beim 1997er Reading-Festival die Auflösung
der Band. Atlantic veröffentlichte 1998 dann noch ein
„Best Of“-Album von The Lemonheads, und eigentlich
dachten alle, dass die Geschichte hiermit ein Ende habe.
„Ich hatte mich einfach nur dazu entschlossen, für
eine Weile unterzutauchen“, erklärt Dando im Nachhinein
seinen zwischenzeitlichen Rückzug aus der Musikszene.
„Ich konnte an dem Punkt einfach nicht mehr weitermachen.
Erst ein Jahr später, 1998, als ich meine Frau kennen
gelernt hatte, da verspürte ich wieder das alte Gefühl.
Plötzlich hatte ich wieder Lust auf Musik.“ Die
Frau, auf die Dando anspielt, ist Elizabeth Moses, eine in
Newcastle geborene Musikerin und Supermodel. Nach ihrer Hochzeit
im Jahr 2000 erwachte in Dando schließlich das alte
Feuer komplett: 2001 veröffentlichte er das Live-Album
„Live at the Brattle Theater/Griffith Sunset“,
und 2003 legte er das erfolgreiche Soloalbum „Baby I’m
Bored“ nach.
Ein weiteres Jahr später konnte man Evan Dando dann
sogar als Ersatzfrontmann der wiedervereinigten MC5, der schroffsten
amerikanischen Rockband der 1960er, erleben, als er sie auf
einer ausgiebigen Tour (41 Auftritte!) durch die Staaten begleitete.
Kaum zu übersehen (und überhören!) war Dando
schließlich auch, als er die vergangenen anderthalb
Jahre dazu nutzte, in den unterschiedlichsten Konstellationen
durch Nordamerika und Europa zu touren: Am Bass war entweder
Juliana Hatfield oder Josh Lattanzi dabei, zu den Schlagzeugern
zählten Größen wie Bill Stevenson, Chris Brokaw
(von der Band COME) oder George Berz von Dinosaur Jr. Manchmal
allerdings konnte man ihn auch alleine bestaunen; als elektrifizierte
Einmannshow der chaotischsten Sorte! Unvergessen sind dabei
sicherlich die beiden Londoner Auftritte von Dando, Stevenson
und Lattanzi. Während der beiden sofort ausverkauften
Shows im Rahmen der „Don’t Look Back“-Konzertreihe
spielte das Trio sogar das komplette „It’s A Shame
About Ray“-Album an einem Stück!
Abschließend noch ein paar Worte zum neuen Album, „The
Lemonheads“, das auf Vagrant Records erscheint. Man
kann sich das Album gewissermaßen wie ein „Best
of The Lemonheads Volume II“-Album vorstellen, mit dem
Unterschied, das die auf „The Lemonheads“ vertretenen
Songs aus einer Hochphase der Band stammen, von der bisher
noch gar keiner wusste! Und dann müsste man noch hinzufügen,
dass die Songs noch einen Tick lauter und selbstverständlich
auch einen Tick schneller sind. „Um sich vorstellen
zu können, in welche Richtung wir mit diesem Album gegangen
sind, sollte man sich am besten einfach das `Milo Goes To
College´-Album von den Descendents [1982] anhören“,
berichtet Evan über den Sound seiner neu gegründeten
(alten) Band. „Schließlich wollte ich eine Rockplatte
machen. Ein melodisches Rockalbum.“ Doch insgeheim:
„Mir geht es einfach auf die Eier, immer nur Solo-T-Shirts
zu verkaufen.“
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